GELB #4

Schleifmythen

Edelstahl? Schleift sich doch wie jeder Stahl!

Korrosionsfrei, langlebig, temperaturbeständig, leitfähig und hygienisch: Edelstahl hat je nach Legierung viele besondere Eigenschaften und gilt als sehr hochwertig. Beim Schleifen wird die Queen unter den Werkstoffen allerdings oft missverstanden. Kevin Scholz, Leiter der Klingspor Training Academy, klärt über die häufigsten Schleifmythen rund um Edelstahl auf.

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Schleifmythos #1

Edelstahl ist und bleibt rostfrei, auch nach dem Schleifen

Das stimmt leider nicht immer. Damit es bei Edelstahl nach dem Schleifen keine rostigen Überraschungen gibt, braucht es eine Spezialbehandlung: 

„Edelstahl darf nicht mit Stahl in Kontakt kommen, sonst steckt es sich sozusagen mit Rost an“, sagt Kevin Scholz.

Ansteckungsgefahr besteht gleich doppelt: zum einen durch Kontaktkorrosion, wenn mit derselben Schleifscheibe zuerst ein Stahlteil und anschließend ein Edelstahlteil geschliffen wird. Zum anderen durch Flugrost, wenn beim Schleifen von Stahl die Funken auf Edelstahlwerkstücke treffen, die in der Nähe liegen. 

Das Rostrisiko steigt außerdem, wenn sich beim Schleifen Oberflächenfehler einschleichen. Grate, Ausrisse und ähnliche Schnitzer verhindern, dass sich die beim Schleifen aufgebrochene schützende Chromschicht fehlerfrei nachbildet und das Bauteil wird anfällig für Korrosion.

Die Schleifwahrheit: Rostfrei nur mit Extra-Behandlung 

„Wer Edelstahl schleift oder trennt, sollte dafür immer Schleifmittel verwenden, die er für nichts anderes einsetzt“, empfiehlt Scholz. „Diese Investition lohnt sich, weil man die Kontaktkorrosion durch das Werkzeug vermeidet.“ Werden Edelstahl und Stahl in derselben Werkstatt bearbeitet, ist auch hier Trennschärfe gefragt: Edelstahlteile dürfen nicht in Funkenflug-Reichweite liegen, während Stahl geschliffen wird.


Schleifmythos #2

Mit hoher Drehzahl ist man schneller fertig

Höhere Drehzahl, mehr Abtrag, schnelleres Ergebnis: Was bei vielen Werkstoffen tatsächlich stimmt, ist bei Edelstahl ein Mythos: „Eine höhere Drehzahl am Winkelschleifer bringt bei Edelstahl kein schnelleres Ergebnis, sondern stattdessen zu viel Hitze und damit Anlauffarben, die nachbearbeitet werden müssen“, entlarvt Kevin Scholz diesen Mythos.

Denn Anlauffarben sind keineswegs nur optisch unschön. Sie zeigen an, dass die Chrom-Schutzschicht beschädigt ist. Ohne Nachbearbeitung steigt dadurch die Korrosionsgefahr.

Die Schleifwahrheit: Drehzahl und Druck drosseln bei Edelstahl  

Schneller zu einem guten Schleifergebnis ohne aufwändige Nacharbeit kommt man bei Edelstahl mit niedrigen statt hohen Geschwindigkeiten. Herkömmliche Winkelschleifer arbeiten meist mit einer Drehzahl von 10.000 U/min⁻¹. „Bei Edelstahl machen aber Drehzahlen von maximal 7.000 U/min⁻¹ Sinn“, sagt Scholz. Spezielle Inox-Winkelschleifer sind bereits ab Werk auf diese Geschwindigkeit gedrosselt und lassen sich bei Bedarf weiter reduzieren. 
Was bei Edelstahl für die Drehgeschwindigkeit gilt, gilt auch für den Schleifdruck, ergänzt Scholz: „Auch weniger Druck reduziert die Hitzeentwicklung und damit die Anlauffarben und das Risiko für Nachbearbeitung.“ Deshalb empfiehlt es sich, vorsichtig auszutesten, wieviel Druck für das gewünschte Schleifergebnis tatsächlich notwendig ist.


Viele Schleifmythen begegnen uns seit Jahren immer wieder – und das unabhängig von Erfahrung oder Anwendung.

Kevin Scholz
Leiter Klingspor Training Academy


Schleifmythos #3

Keramisches Korn ist das Beste für Edelstahl

„Schleifmittel mit keramischem Korn sind tolle Werkzeuge für harte Werkstoffe. Auch Edelstahl ist ein harter Werkstoff, trotzdem ist Keramikkorn hier oft nicht das Richtige“, sagt Experte Kevin Scholz. Denn das aggressive keramische Korn ist immer dann gut, wenn es um einen hohen Abtrag geht, etwa beim Entfernen einer groben Schweißnaht. 

Beim Edelstahlschleifen ist aber meist nicht der Abtrag wichtig, sondern die Oberflächengüte. Häufig müssen Oberflächen mit sehr feiner Struktur oder herausragender Optik geschaffen werden. „Da kann man mit zu aggressivem Keramikkorn einiges kaputt machen: zu viel Abtrag, eine zu grobe Oberflächenstruktur oder es entstehen Anlauffarben durch Hitzeentwicklung“, zählt Scholz die Risiken auf.

Die Schleifwahrheit: Kornart nach Schleifziel auswählen 

Die Kornart beeinflusst das Schleifergebnis entscheidend, ist aber nicht der einzige Faktor, der berücksichtigt werden sollte, meint Scholz: „Man sollte sich zunächst klar machen, was man beim Schleifen erreichen will. Und dann den ganzen Schleifprozess betrachten und überlegen, mit welcher Kombination aus Kornart, Streudichte, Bindung und Unterlage man am besten zu diesem Ziel kommt.“​

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